Der Pfad auf der Bleder Insel

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Der Beruf des „Pletnars“, der die berühmten Pletna-Holzboote herstellt, ist sehr geachtet und wird seit Jahrhunderten von Generation zu Generation übertragen.

Sie gelangen auf die Bleder Insel zweifellos mit einem Boot, genauer gesagt, mit einem Pletna-Boot. So nennen die Einheimischen ihre Boote, die irgendwie an die Gondelschiffe erinnern, die nur zweieinhalb Stunden weiter westlich durch die Kanäle Venedigs fahren. Die Bootsfahrer stammen allerdings aus einer der 23 Familien, die im 18. Jahrhundert eine Konzession für die Beförderung von Passagieren auf dieses wunderbare Juwel in der Perlenkette der Natur, genannt Bled, erworben haben.

Würden die Disney Studios jemals einen animierten Musikfilm im Stil Die Eiskönigin - Völlig unverfroren, drehen wollen, welcher seine inhaltlichen Vorbilder in der slawischen Mythologie suchen müsste, so müsste es ganz sicher hier sein. Wenn Ausländer hierher kommen, so fühlen sie sich wie in einer Filmszene oder in Disneyland ... oder in einer Disneyland-Filmszene. Deren erste Reaktion ist, dass so etwas malerisches doch nicht tatsächlich existieren kann. Und doch ist es da: eine makellos fotogene Kirche auf der einzigen Insel, die sich in irrealen Saphirreflexionen über der glitzernden Oberfläche eines Alpensees erhebt. Als ob das nicht genug wäre, herrscht auf einer Klippe über dem See eine prächtige Burg ganz zu schweigen von den mondänen Ferienorten aus dem 19. Jahrhundert auf zur einen und dem Ring der Sezessionsvillen zur anderen Seite des Sees. Nicht einmal ein Bühnenbildner hätte eine so elegante Szen entwerfen können.

bled island slovenia tourist organization© Janez Tolar, www.slovenia.info

Das berühmteste Wahrzeichen des Bleder Sees ist die Insel mit der Muttergotteskirche.

Die romantische Spannung steigt, wenn das Pletna-Boot sich der Insel nähert und der Glockenturm der Inselkirche mit jedem Ruder höher wird. Es ist nicht verwunderlich, dass die alten slawischen Vorfahren der Slowenen zu Ehren deren Göttin des Lebens, Živa, zuerst einen heidnischen Tempel auf der Insel errichteten. Es mag etwas klischeehaft klingen wenn ich sage, dass etwas Magisches in der Luft liegt, aber ich kann es auch nicht leugnen. Egal an was Sie glauben oder welcher Religion Sie angehören, Bled strahlt etwas Besonderes aus. Ein spiritueller Ort ist eben ein spiritueller Ort, und auf unserem Planeten gibt es bestimmte geografische Punkte, die von Menschen unterschiedlicher Kulturen wahrgenommen werden, unabhängig davon, von wem und wann sie besucht werden. Und dies ist einer von ihnen.

Als der Bootsfahrer am Dock anlegt, sprudelt ein Wasserfall von 99 geschnitzten Steintreppen auf die Besucher zu. Die Gewissheit, dass man sie erklimmen muss, gibt einem das Gefühl, auf einer Pilgerreise zu sein. Egal ob Ihre Reise religiöser, kultureller oder touristischer Natur ist oder Sie gekommen sind, um sich etwas Süßes zu gönnen (keine Sorge, wir werden uns sofort darum kümmern), es ist alles in bester Ordnung. Sie sind hier, auf diesem Stück Himmel auf Erden, und es ist wunderbar.

Wedding, Bled island stairs

Die Bleder Insel ist auch eine beliebte Kulisse für katholische, evangelische und orthodoxe kirchliche Trauungen.

Es ist immer noch eine gelebte Sitte, dass der Bräutigam eines Paares, das in der Kirche Unserer Lieben Frau, seine Braut die Treppe hochtragen muss. Ein solcher Männlichkeitsnachweis wird nur empfohlen, wenn Sie einen gesunden Rücken haben ... und gut versichert sind. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn Sie und Ihre Liebste Hand in Hand die Treppe hinaufgehen.

Heutzutage gibt es normalerweise unzählige Touristen auf der Insel, und das war schon immer so. Die Insel war bereits vor dem Aufkommen des Christentums ein bekanntes Ziel für Pilger, und ihre Beliebtheit ist nach 1185, aus dem die ersten Aufzeichnungen der christlichen Kapelle auf der Insel stammen, weiter gestiegen. Die heutige Kirche wurde 1465 errichtet und nach dem Erdbeben von 1509 im Barockstil umgebaut. Im 19. Jahrhundert, als Bled zu einem Kurort für die kleinen österreichisch-ungarischen Herren wurde und zu Zeiten Jugoslawiens, als Tito es zum seinem beliebtesten Urlaubsziel machte, gehörte ein Besuch auf der Insel zum obligatorischen Bestandteil der Besichtigung von Bled, allerdings zog er zu jener Zeit Besucher mehr wegen touristischer und kulturellen Attraktionen als aus religiösen Gründen an.

Bled_jesenske_Jost_Gantar_MALA (18).jpg© Jošt Gantar

Seit jeher war der Besuch der Bleder Insel eine geistige Reise zu einer heiligen Stätte.

Nach venezianischen Vorbildern besitzt die Kirche einen alleinstehenden Glockenturm, campanille. Der Aufstieg zu seiner Spitze wird zu einen mit einem atemberaubenden Blick auf das Seeufer und die Burg von Bled belohnt und enthüllt zum anderen das unglaubliche Uhrwerk im Glockenturm. Das kürzlich renovierte Innere der Kirche beeindruckt durch die strahlend weißen Wände, mit deren Glanz es nur die glitzernde Vergoldung der spätbarocken Altarschnitzereien aufnehmen kann. Am prächtigsten ist der Hauptaltar: im Thron steht eine Marienstatue mit einem Kind und an der Seite die markante Statue eines mittelalterlichen Heiligenpaares, des Heinrich II. und seiner Frau Kunigunda (der große Name der europäischen Geschichte). Das Ehepaar verdiente sich seinen Heiligenstatus aus Dankbarkeit dafür, dass es einen Großteil seines Nachlasses, einschließlich Bled und die Burg, an die Bischöfe von Brixen gespendet hatte. In der Zeit danach vermieteten zwar die Bischöfe, die von ihrem Hauptquartier in den italienischen Dolomiten aus über Bled herrschten, die Burg und ihre Umgebung an eine Reihe von Feudalherren, doch brachte die Schenkungsurkunde dem Heinrich und der Kunigunde das Heiligtum. Sie werden daher nicht als Gönner, sondern als Heilige auf dem Altar ausgestellt.

Das Herzstück eines Inselbesuchs ist für die meisten Touristen die Wunschglocke. Obwohl die Glocke bereits 1534 gefertigt wurde, ist der Brauch des Läutens viel jünger. Die lokale Legende besagt, dass eine junge Witwe, Polixena, die Frau eines feudalen Pächters der Burg von Bled, eine Glocke in Auftrag gab, um ihrem verstorbenen Ehemann zu gedenken. Als man die Bootsglocken vom Ufer zur Insel fuhr, tobte plötzlich ein Sturm über dem See, verdunkelte den Himmel und versenkte das Boot, die Glocke und die Besatzung. Man sagt, dass die Glocke immer noch am Grund des Sees liegt und aus der Tiefe hallt. Viele Jahre später hörte der Papst die traurige Geschichte von Polixena und gab den Auftrag, eine neue Glocke für die Insel zu fertigen, die jetzt in der Kirche läutet (und nicht, das soll hiermit besonders hervorgehoben werden, im Glockenturm neben der Kirche). Das Klingelseil hängt von der Decke vor dem Hauptschiff, und wenn Sie fest daran ziehen, fängt die Glocke an zu läuten und erfüllt Ihren Wunsch. Die Einheimischen sagen gerne, dass der Wunsch nicht sofort erfüllt wird, ähnlich wie man auch einen Moment warten muss, nachdem man am Seil gezogen hat, bevor die riesige Glocke zu läuten beginnt.

bled island church interior© Tomo Jeseničnik

Bei dem Besuch auf der Bleder Insel ist der Höhepunkt gewiss das Läuten der Wunschglocke, die Ihre inneren Gebete der Jungfrau Maria überbringt.

Steigen Sie also die 99 Stufen hinauf, besuchen Sie die Kirche, gehen Sie zur Spitze des Glockenturms, läuten Sie die Wunschglocke und machen Sie einen Spaziergang um die Insel. Dies wird Ihren Appetit perfekt anregen. Das Bedürfnis nach Reisen, mit denen wir uns unseren Herzenswunsch erfüllen, ist ein Teil der Faszination der Pilgerfahrt. Als ich noch jung war, pilgerte ich mit meinen Eltern auf anderen Wegen – nämlich den kulinarischen. Wir haben lange Wege zurückgelegt, um als Belohnung ein bestimmtes Restaurant besuchen zu können und die besonderen Speisen zu genießen, über die wir gelesen haben und die wir probieren wollten. Wenn Sie ein Pilger meiner Art sind, gibt es auf der Insel etwas für Sie. Sie werden sich nach all dieser Schönheit und Kultur nämlich auch mit etwas Leckerem belohnen können.

Wenn doch die Bleder Insel heute über eine gut funktionierende Infrastruktur verfügt, so lebte hier in den 1960er Jahren noch eine Familie, die Vieh züchtete und die gesamte Organisation war viel unformeller als heute. Heute wird die Insel offiziell von der Pfarre Bled verwaltet.

Poticnica interier Blejski otok© Tomo Jeseničnik

Café und Konditorei Potičnica auf der Bleder Insel.

Die Potičnica, eine Konditorei auf der Insel, sollte also Ihre letzte Station sein, nachdem Sie die kulturellen Sehenswürdigkeiten bereits erkundet und ausgeschöpft haben. Altarbesichtigungen und Aufstiege zu den Glockentürmen können einen wirklich hungrig machen.

Die Potičnica ist, wie der Name schon sagt, der Ort, an dem der Potitza Kuchen zu Hause ist. In dem Wort Potitza versteckt sich das Wort "pot=Pfad" und Sie möchten den Pfad zur Bleder Insel, wo Sie eine Potitza serviert bekommen, wirklich nicht verpassen. Potitza beschreibt man am besten als einen ringförmigen Kuchen, zu dem ein Teig mit verschiedenen Füllungen zusammengerollt wird. Der Potitzateig wird dann in ein spezielles Topfmodell gelegt. Obwohl die Potitza am häufigsten mit gemahlenen süßen Nüssen gefüllt wird, ist Potičnica dafür bekannt, eine große Auswahl an Potitza mit verschiedenen Füllungen anzubieten, aus denen Sie nach Herzenslust wählen und probieren dürfen. Jeden Tag werden sechs oder acht Geschmacksvarianten angeboten. Es gibt traditionellere Füllungen, wie etwa den Estragon (Slowenien ist das einzige Land, in dem Estragon in der Küche nur für Süßspeisen verwendet wird), man kann aber auch die Schokoladen-, Haselnuss- , Mohn- oder eine andere süße und herzhafte Füllung probieren (möchte jemand von der Grieben- oder Speckpotitza probieren?). Daran ist nichts auszusetzen, und nichts ist typischer slowenisch als ein Stück (oder fünf Stück) Potitza, das Sie sich gönnen können, nachdem Sie auf der Bleder Insel die Wunschglocke geläutet haben. Und lassen Sie es mich laut sagen (obwohl ich hoffe, dass meine Schwiegermutter das nicht liest), dass dies die beste Potitza ist, die ich jemals gegessen habe.

Bled Island Potica Cake Blejski otok

Die Potica (auf Deutsch auch Potitze) ist ein traditioneller slowenischer Festtagskuchen.

Die Potitza auf der Bleder Insel wird mit viel Liebe und Respekt für die lokale Tradition und eine naturnahe Lebensweise gebacken. In der Konditorei werden Sie dies auf Schritt und Tritt bemerken, da diese zum Großteil mit Walnussholz, als Hommage an die Walnusspotitza, ausgekleidet wurde. Sie werden hier zum Beispiel keine Kokosfüllung bekommen, obwohl sie sehr beliebt ist, weil Kokosnuss in Slowenien nicht wächst. Dies alles steht im Einklang mit dem lokalen Erbe und einem Teil der grünen Tourismusbewegung, die Slowenien einen internationalen Ruf und Auszeichnungen eingebracht hat.

Als Tourist werden Sie die Kirche und die Aussicht vom Glockenturm aus bewundern und die Wunschglocke läuten. Sie werden die Reise mit dem Pletna-Boot zur Insel und zurück zum Ufer genießen und sich dem Gefühl von Magie und Tradition und Ihrer eigenen Pilgerreise hingeben. Aber eine der seltenen Freuden, die nur wenige Touristen erleben, ist die Gelegenheit, die Einheimischen kennenzulernen. Die Bewohner von Bled, vor allem diejenigen, die Tradition und Geschichte schätzen, alte Geschichten erzählen und dafür sorgen, dass sie Bräuche weiteuleben, die Einheimischen, die Liebe zu ihrem Zuhause mit den Besuchern teilen möchten, sind lebende Förderer des kulturellen Erbes. Und die Gelegenheit, die herzlichen und leidenschaftlichen Einheimischen von Bled zu treffen, verleiht dem Besuch dieser touristischen Destination, eine vollkommen neue Dimension.

Wenn Ihre Wunschglocke bereits geläutet hat und bevor Sie mit dem Pletna-Boot wieder an das Seeufer zurückkehren, schnappen Sie sich ein Stück vom slowenischen kulinarischen Kulturerbe. Lassen Sie sich von einem Stück Potitza den Weg auf ihrer gesamten Reise zeigen.


Über den Autor

Znamka_Bled_Noah_Charney103© Boris Pretnar

Dr. Noah Charney ist ein amerikanischer Schriftsteller mit zahlreichen Bucherfolgen und Professor für Kunstgeschichte, der seit vielen Jahren in Slowenien lebt. Er ist in der amerikanischen Stadt New Haven aufgewachsen und hat sein Aufbaustudium am The Courtauld Institute und an den Universitäten in Cambridge und Ljubljana absolviert. Bisher hat er 13 Bücher geschrieben, darunter auch mehrere internationale Bucherfolge, wie z. B. „Slovenologija“ (das unter dem Titel (Slovenology - Living and Traveling in the World's Best Country ins Englische übersetzt wurde) mit Essays über seine Erlebnisse während seines Lebens in Slowenien, das seiner Meinung nach das „beste Land der Welt“ ist. In den ersten sechs Monaten wurden davon bereits mehr als 3.000 Exemplare verkauft. Sein Werk „Večni arhitekt (Der ewige Architekt), das im Englischen den Titel Eternal architect: The life and art of Jože Plečnik trägt: über das Leben und die Arbeit von Jože Plečnik, dem modernistischen Mystiker“ hat bei der Ausschreibung für den slowenischen Literaturpreis den 2. Platz erhalten und wurde auf dem Architekturbienale in Novi Sad mit dem Preis für das beste Buch ausgezeichnet. Charney ist zwar Experte für Kunstgeschichte und Kunstkriminalität, hat sich aber inzwischen auch zum Slowenien-Experten entwickelt, da er regelmäßig Artikel in bedeutenden Zeitungen wie z. B. The Guardian und Washington Post über Slowenien veröffentlicht. Wenn Sie mehr über seine Werke erfahren wollen, dann besuchen Sie seine Internetseite noahcharney.com oder folgen ihm in den sozialen Medien, wo er über seine Erlebnisse im „besten Land der Welt“ berichtet.